DIE POLITISIERUNG DER SCHAM. DIDIER ERIBONS »RÜCKKEHR NACH REIMS«

„Coming-out-Geschichten sind Migrationsgeschichten. Wer zu einer sexuellen Minorität gehört, der wandert, vom Staat, der ihn verfolgt, in den Staat, der es nicht tut, vom Land in die größere Stadt, von der größeren Stadt in die Kapitale mit ausdifferenzierter Community. Wie alle Migranten gehen auch Schwule und Lesben aus guten Gründen dorthin, wo andere von ihnen bereits sind, denn das neue Leben, in dem man das zu sein erlernt, was man in der Heimat geworden ist, muss ja gemeinsam mit den anderen und am Beispiel dieser anderen in einer neuen Welt eingeübt werden, als ein gänzlich neuer Habitus.“

Zum ganzen Artikel von Dirck Linck hier weiterlesen:

DIE POLITISIERUNG DER SCHAM. DIDIER ERIBONS »RÜCKKEHR NACH REIMS«

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Call for Papers: Visual Fat Studies

Call for Papers: 
Visual Fat Studies 
Themenheft von FKW // Zeitschrift für Geschlechterforschung und visuelle
Kultur
Ausgabe Nr. 62, Frühjahr 2017, Einsendeschluss: 20.10.2016
Anja Herrmann & Kea Wienand

english version below

2030 wird nahezu die Hälfte aller Europäer_innen fett sein – so lautete die plakative Prognose der WHO auf dem European Congress on Obesity 2015 in Prag. Schon seit einiger Zeit wird im sogenannten globalen Norden die Botschaft verbreitet, dass Fettsucht, Adipositas, Übergewicht etc. wie ansteckende Viren die gesunden (schlanken) Volkskörper zu deformieren drohen. Staatliche Programme, Expert_innen für Ernährungsfragen, TV-Formate, neue Technologien (Abnehm-Apps) etc. stehen mit konkreten
Lösungsansätzen bereit, um Abhilfe zu leisten: Michelle Obama fordert beispielsweise mit ihrer Kampagne Let’s move zu mehr Bewegung und gesünderer Ernährung auf und das deutsche Bundesgesundheitsministerium versucht mit Kampagnen wie in-form.de, die von Prominenten beworben werden,
zu Umstellungen der Lebens- und Bewegungsgewohnheiten zu motivieren.
Gleichzeitig produziert und vermarktet die Lebensmittelindustrie weiterhin ernährungsphysiologisch unausgewogene Lebensmittel, gesundes Essen bleibt nur für wenige erschwinglich.
Gegen den von Politik und Gesellschaft produzierten und über verschiedenste Medien kolportierten Diskurs, dem Fett im Namen der Gesundheit den Kampf anzusagen, wird zunehmend aktivistischer und auch wissenschaftlicher Protest laut. Der Stigmatisierung und Bevormundung von Menschen, die nicht den
gegenwärtigen Körpernormierungen entsprechen, als ungesund, unsportlich, faul etc. und für eine Akzeptanz von ‚fetten Menschen‘ sind bereits seit Ende der 1960er Jahre verschiedene Gruppierungen entgegen getreten (z.B. Fat Acceptance Movement, Health at Every Size). Seit Mitte der 2000er
Jahre formiert sich unter dem Label der Fat Studies nun auch eine eigene transdisziplinäre Forschungsrichtung. Mit der Infragestellung von Normierungen, Wissensproduktionen und gouvernementaler Regierungstechnologien sowie der Diskussion über Umgangsweisen und
Sichtbarkeiten verschiedener Körperformen knüpfen Fat Studies an Fragen und Annahmen feministisch-queerer Wissenschaften an. Feministische Kunst-, Film- und Medienwissenschaftler_innen haben spätestens seit den 1970er Jahren nicht nur die Positionen von Frauen in einem patriarchalen
Blicksystem, sondern auch Schönheitsideale und Zuschreibungen an Körper problematisiert. Verwiesen wurde bereits darauf, dass normierende Körperpolitiken hinsichtlich Größe, Gewicht und Umfang von menschlichen Körpern immer auch mit Zuschreibungen an Differenzkategorien wie
Geschlecht, Ethnizität, Rasse, sexuelle Identität, soziale Herkunft etc. einhergehen. In jüngster Zeit haben Wissenschaftler_innen der Geschlechter- und Queerforschung insbesondere aktuelle Selbsttechnologien und Strategien der Selbstoptimierung im Kontext eines neoliberalen Geschlechterregimes in
den kritischen Blick genommen (z.B. Paula-Irene Villa 2008; Angela McRobbie 2010), wobei jedoch das Visuelle wenig Berücksichtigung fand. 

FKW nimmt in seiner 62. Ausgabe (Frühjahr 2017) die Debatten der Fat Studies und jene um aktuelle Schönheitssysteme auf und fokussiert aus einer geschlechtertheoretischen Perspektive auf die visuellen Repräsentationen und Leerstellen von fetten Körpern – deren Definition selbst schon mit
Normierungen einhergeht. Kritisch befragt werden sollen Bilder und visuelle Inszenierungen von Dicken in Kunst, Medien und visueller Kultur (z.B. in Werbung, Zeitschriften, Social Media, usw.). Ein zentraler Ausgangspunkt des Heftes ist der Eindruck, dass weibliche große Körper aktuell besonders
provozierend und beunruhigend sind, sie scheinen das Empfinden von Norm und Normalität extrem zu verunsichern und als Bedrohung der Allgemeinheit wahrgenommen zu werden. So löscht Facebook zum Beispiel häufiger Fotografien dicker Frauen. Gleichzeitig gibt es im Netz Kampagnen, die sich
gegen diese Form des fat shaming engagieren, und insgesamt finden sich immer mehr populäre Beispiele eines fetten Selbstbewusstseins wie u.a. durch Beth Ditto, Melissa McCarthy etc.
Die 62. FKW-Ausgabe möchte Beiträge zusammenbringen, die sich mit den immer auch vergeschlechtlichten Darstellungen von fetten Körpern in den verschiedenen Bereichen der visuellen Kultur befassen. Zu fragen ist, an welche ikonografischen aber auch gouvernementalen Traditionen diese
Repräsentationen anknüpfen und wie sie diese innerhalb aktueller Geschlechterregime fortschreiben oder umarbeiten. Analysiert werden könnte, inwiefern Bilder fetter Körper bzw. deren spezifische Abwesenheiten neoliberale Schlankheitsdiskurse stützen und sich mit anderen
Ausgrenzungsmechanismen und Körperdiskursen (z.B. über Hautfarben) verknüpfen – gerade auch dort, wo sie zunächst zu einer Diversifizierung von zu sehen gegebenen Körpern beizutragen scheinen. Weiterhin interessiert uns, wo und wie normierende Schönheitssysteme kritisch befragt und
durchkreuzt werden. Wo, d.h. in welchen Kontexten und Kulturen (z.B. Subkulturen), werden andere Bilder von Körperlichkeit etabliert, ohne zugleich neue oder andere Vorstellungen von devianten Körpern zu provozieren? Der überwiegende Teil der Veröffentlichungen der Fat Studies
stammt bislang aus den USA und Kanada, ob sich deren Erkenntnisse auf andere Regionen und Gesellschaften einfach übertragen lassen, inwiefern Schönheitsdiskurse global sind und/oder migrieren, ist ein weiteres Feld, das bearbeitet werden könnte. Wir wünschen uns Beiträge, die aus
queer-feministischen Perspektiven gegenwärtige und zugleich historisch gewordene Diskurse über fette Körper analysieren und kritisch befragen. 

Visual Fat Studies ist die 62. Ausgabe von FKW // Zeitschrift für Geschlechterforschung und visuelle Kultur, die seit 2013 peer reviewed online erscheint, www.fkw-journal.de. Wir freuen uns über Themenvorschläge bis zum 20. Oktober 2016. Bitte schicken Sie ein halb- bis einseitiges
Abstract (gerne auch in Englisch) an die Redakteurinnen der Ausgabe, Dr. Anja Herrmann (anja.herrmann1@uni-oldenburg.de) und Dr. Kea Wienand (kea.wienand@uni-oldenburg.de), die auch für weitere Fragen zur Verfügung stehen.
Die 62. Ausgabe wird im Frühjahr 2017 erscheinen, Abgabetermin der ausgewählten Beiträge ist der 15. Februar 2017. 


Call for Papers: 
Visual Fat Studies 
FKW // Zeitschrift für Geschlechterforschung und visuelle Kultur — Themed
issue
No. 62, Spring 2017, Submission deadline: October 20, 2016
Anja Herrmann & Kea Wienand

In 2030, almost half of all Europeans will be fat — according to the
striking yet simplistic forecast issued by the WHO at the 2015 European
Congress on Obesity in Prague. For some time, the message has spread in the
Global North that obesity, adiposity, overweight, etc. threaten to deform
the healthy (i.e., slim) nation’s body like a contagious virus. Government
programs, nutrition experts, television broadcasts, new technologies (weight
loss apps), etc. hasten to suggest concrete solutions to a (seemingly)
pressing issue: Michelle Obama’s Let’s move campaign, for instance,
encourages more physical exercise and healthier eating habits. The German
Ministry of Health has launched celebrity-endorsed campaigns like in-form.de
to motivate people to change their lifestyle and movement habits. At the
same time, the food industry continues to produce and market nutritionally
imbalanced foods. Healthy food continues to remain a privilege of the few. 
Activists and scientists are protesting increasingly against the discourse
produced by politics and society, and spread by diverse media, that obesity
be combatted in the name of healthy living. Already since the late 1960s,
various groups (e.g., Fat Acceptance Movement, Health at Every Size) have
campaigned vociferously against the stigmatizing and patronizing of persons
failing to comply with prevailing body norms as unhealthy, unsporty, lazy,
etc. Since the mid-noughties, an independent transdisciplinary research
direction has emerged under the label of Fat Studies. Challenging
normalization, knowledge production systems, the governmental technologies
of states, and dominant approaches to body forms and their visibility, Fat
Studies builds on the questions and assumptions of feminist and queer
studies. Since the 1970s at the very latest, feminist art historians, film
and media scholars have problematized not only the positions of women within
the patriarchal gaze, but also the prevailing ideals of beauty and
body-related attributions. Researchers have observed that standardizing body
politics, as regards the size, weight, and circumference of human bodies,
always coincides with attributions to categories of difference such as
gender, ethnicity, race, sexual identity, social background, etc. Most
recently, scholars in the fields of gender and queer studies have critically
examined especially the current technologies of the self and
self-optimization strategies within the context of a neoliberal gender
regime (e.g., Paula-Irene Villa 2008; Angela McRobbie 2010). The visual,
however, has so far received little attention. 

The 62nd issue of FKW (Spring 2016) takes up the debates in Fat Studies and
those on current beauty systems. From the perspective of gender theory, it
focuses on the visual representations and gaps of fat bodies — whose
definition overlaps with body norms and standardizations. Contributors are
invited to critically explore the images and visual stagings of fat persons
in art, the media, and visual culture (e.g., advertising, magazines, social
media, etc.). A crucial starting point for the forthcoming issue is the
impression that large female bodies are currently perceived as especially
provocative and disquietening, as radically upsetting current body norms and
the sense of normalcy, and as posing a public threat. Thus, Facebook deletes
images of fat women more frequently than those of slim women while online
campaigns against such fat shaming have emerged concurrently. On balance,
examples of a fat self-confidence are now evident (Beth Ditto, Melissa
McCarthy, etc.). 
The 62nd issue of FKW seeks to gather contributions dedicated to the forever
gendered representations of fat bodies across visual culture. Critical
treatments of the iconographic and governmental traditions that inform such
representations are most welcome, especially discussions that illuminate how
these representations continue or reshape those traditions within the
current gender regime. Contributors may also wish to analyze how far fat
bodies, i.e., their specific absences, support neoliberal discourses of
slimness and intersect with other exclusion mechanisms and body discourses
(e.g., via skin colors) — indeed precisely where such discourses and
mechanisms at first seem to contribute to diversifying the bodies on
display. Other issues and topics of interest include where and how
standardizing beauty systems are critically investigated and thwarted. Thus,
in which contexts and cultures (e.g., subcultures) are other images of
corporeality established without, however, provoking new or other notions of
deviant bodies? So far, the large majority of publications in Fat Studies
have come from the USA and Canada. But whether these findings and insights
can simply be transferred to other regions and societies, i.e., whether
discourses of beauty are global and/or migrate, is a vast field calling for
more detailed study. We welcome contributions that analyze and critically
debate current and historical discourses on fat bodies from queer and
feminist perspectives. 

Visual Fat Studies is the 62nd issue of the peer-reviewed FKW // Zeitschrift
für Geschlechterforschung und visuelle Kultur, which has been published
online since 2013. Suggested topics are welcome by October 20, 2016. Please
send a half- or full-page abstract (contributions in English are also
welcome) to the issue editors, 
Dr. Anja Herrmann (anja.herrmann1@uni-oldenburg.de) and Dr. Kea Wienand
(kea.wienand@uni-oldenburg.de), who will be happy to answer any questions. 
The 62nd issue will be published in Spring 2017. The submission deadline for
selected contributions is February 15, 2017.
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FKW // Zeitschrift für Geschlechterforschung und visuelle Kultur